Die Presselandschaft der Nachkriegszeit

Titelbild des Telegraf, eine der ersten Tageszeitungen, die mit Genehmigung der Alliierten schon 1946 wieder unter deutscher Leitung erscheinen durften. Sie vergaben die Lizenz an drei Personen, die sich durch ihre Biografie dafür empfohlen hatten, am Wiederaufbau mitzuwirken: die Widerstandskämpferin Annedore Leber, den Journalisten Arno Scholz und den ehemaligen Reichstagspräsidenten, SPD Politiker Paul Löbe, der im KZ gewesen war. (Bild: Privat)


Die Politik der Alliierten im Deutschland der frühen Nachkriegszeit war bestimmt von dem Bemühen, die Deutschen umzuerziehen: Sie sollten die Demokratie lernen. Teil dieser Reeducation-Politik war der Aufbau einer freien Presse, die zunächst unter der Aufsicht der alliierten Lizenzgeber stand, d.h. ohne die Zustimmung der Militärregierung durften zwischen Juli 1945 und September 1949 keine Zeitungen, Zeitschriften oder Bücher gedruckt werden. Damit verhinderte man eine unkontrollierte Gründung von Zeitungen und konnte zugleich Einfluss nehmen für den Fall, dass die Herausgeber z.B. nationalsozialistisch gefärbte Beiträge drucken würden.

Früheste Berichterstattung

Erste schriftliche Nachrichten stellten die militärischen Heeresgruppen-Blätter in den verschiedenen besetzten Zonen bereit. In der US-amerikanischen Zone wurde diese Praxis bereits im Herbst 1945 eingestellt, während sie bei den Briten bis zum Frühjahr 1946 weitergeführt wurde. Die nächste Stufe der Berichterstattung stellen die deutschen Zonen-Zeitungen dar, die in der Regel auch redaktionell in Zusammenarbeit mit den jeweiligen Besatzungsmächten erschienen. Um aber die deutschen Journalisten zu einer selbständigen Berichterstattung zu befähigen, begannen die Amerikaner und Franzosen bereits 1945 mit einem Lizenzierungprogramm.

Lizenzpolitik

Die jeweilige Militärregierung durchleuchtete den Lebenslauf derjenigen Deutschen, die eine Lizenz für ein Presseprodukt beantragten, um zu prüfen, inwiefern sie in das nationalsozialistische Regime involviert gewesen waren.

Die USA vergaben in ihrer Zone Lizenzen an kleine Gruppen von Herausgebern, die unterschiedliche politische und weltanschauliche Positionen vertraten. Innerhalb der britischen Besatzungszone wurden Lizenzen an parteinahe Personen vergeben, die mit ihren unterschiedlichen politischen Ausrichtungen ein breites Meinungsbild boten. Die französische Militärregierung übertrug Lizenzen sowohl an parteinahe als auch an überparteiliche Personen. In der sowjetischen Besatzungszone wurden im Gegensatz dazu auch Lizenzen an Parteien, vorrangig an die KPD, erteilt.

Bis zum Einzug der westlichen Besatzungsmächte in Berlin im Sommer 1945 hatte die sowjetische Besatzungsmacht die öffentliche Meinung in der ehemaligen Hauptstadt bestimmt, durch den Einzug der Westmächte entstand ein breiter gefächertes Meinungsbild. Durch die unterschiedlichen gesellschaftspolitischen Ausrichtungen der jeweiligen Zeitungen und Zeitschriften, stand, durch die direkt nebeneinander liegenden Sektoren in Berlin, eine große Auswahl an divergierenden Meinungen für die Bevölkerung zur Verfügung, u.a. dadurch dass viele Berliner in einem Sektor wohnten und in einem anderen arbeiteten.

Innerhalb des britischen Sektors in Berlin wurde bereits im Jahr 1945 über eine SPD-nahe Lizenzzeitung nachgedacht, die am 22. März 1946 unter dem Namen Der Telegraf das erste Mal erschien. Ein großes Problem der frühen Nachkriegsjahre war die Materialknappheit in vielen Bereichen, so auch beim Papier. Zudem mussten sich die Besatzungsmächte in den verschiedenen Sektoren um Druckmaschinen bemühen. Aufgrund dessen erschienen die Lizenzzeitungen zu Beginn unregelmäßig, nach Möglichkeit wöchentlich, mit einem Umfang von üblicherweise sechs bis acht Seiten.

Die Gruppe der Herausgeber setzte sich aus dem Journalisten Arno Scholz, dem SPD-Politiker und letzten Reichstagspräsidenten Paul Löbe sowie Annedore Leber zusammen, alle drei in der SPD, die als Widerstandskämpfer und –kämpferin gegen den Nationalsozialismus prädestiniert waren, auf diese Weise am Wiederaufbau mitzuwirken. Dies war zugleich der Beginn der journalistischen Arbeit für Annedore Leber. Noch während sie Lizenzträgerin des Telegrafen tätig war, gründete Leber den MosaikVerlag.

Ziele

Ziel der Herausgeber und Autoren von Zeitungen und Zeitschriften war eine (Wieder-)Vermittlung moralischer Werte in der Gesellschaft. Daher spielten politisch-kulturelle Zeitschriften eine zentrale Rolle innerhalb der Reeducation-Politik der Alliierten. Sie sollten politische Diskussionen anstoßen, da Parteien und Parlamente erst aufgebaut werden mussten. In allen vier Zonen wurde eine große Zahl von politisch-kulturellen Zeitschriften, wie Die Wandlung, Deutsche Beiträge, Merkur, Frankfurter Hefte, mit grundsätzlichen Essays zu gesellschaftspolitischen sowie ethischen Fragen herausgegeben. Gemeinsame Werte sollten über nationale politische Eliten hinaus durch das Medium der Presse an die Gesellschaft weitergeben werden. Die Herausgeber der jeweiligen Zeitschriften und deren Autoren versuchten, ein neues moralisches Fundament zu legen, um die Bürger und Bürgerinnen zu ermuntern, selbst politische Verantwortung zu übernehmen.

Tim Rose


Literatur:

  • Frei, Norbert, Die Presse, in: Wolfgang Benz (Hg.), Die Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, Bd 4, Frankfurt 1989, S. 370-416.
  • Grebner, Susanne, Entstehung einer SPD-nahen Lizenzzeitung in Berlin 1946-1950, Münster 2002.
  • Laurien, Ingrid, Politisch-kulturelle Zeitschriften in den Westzonen 1945-1949. Ein Beitrag zur politischen Kultur der Nachkriegszeit, Frankfurt am Main [u.a.] 1991.
  • Mendelssohn, Peter de, Zeitungsstadt Berlin – Menschen und Mächte in der Geschichte der deutschen Presse, Frankfurt 1982.
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Autor: mosaikannedoreleber

Eine Gruppe von Studenten der Geschichtswissenschaft der Universität Göttingen, die sich in einem Projektseminar mit der Zeitschrift "Mosaik" der Widerstandskämpferin Annedore Leber beschäftigt hat. Mehr dazu auf der Seite "Über diese Website".

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