Die Presselandschaft der Nachkriegszeit

Titelbild des Telegraf, eine der ersten Tageszeitungen, die mit Genehmigung der Alliierten schon 1946 wieder unter deutscher Leitung erscheinen durften. Sie vergaben die Lizenz an drei Personen, die sich durch ihre Biografie dafür empfohlen hatten, am Wiederaufbau mitzuwirken: die Widerstandskämpferin Annedore Leber, den Journalisten Arno Scholz und den ehemaligen Reichstagspräsidenten, SPD Politiker Paul Löbe, der im KZ gewesen war. (Bild: Privat)


Die Politik der Alliierten im Deutschland der frühen Nachkriegszeit war bestimmt von dem Bemühen, die Deutschen umzuerziehen: Sie sollten die Demokratie lernen. Teil dieser Reeducation-Politik war der Aufbau einer freien Presse, die zunächst unter der Aufsicht der alliierten Lizenzgeber stand, d.h. ohne die Zustimmung der Militärregierung durften zwischen Juli 1945 und September 1949 keine Zeitungen, Zeitschriften oder Bücher gedruckt werden. Damit verhinderte man eine unkontrollierte Gründung von Zeitungen und konnte zugleich Einfluss nehmen für den Fall, dass die Herausgeber z.B. nationalsozialistisch gefärbte Beiträge drucken würden.

Früheste Berichterstattung

Erste schriftliche Nachrichten stellten die militärischen Heeresgruppen-Blätter in den verschiedenen besetzten Zonen bereit. In der US-amerikanischen Zone wurde diese Praxis bereits im Herbst 1945 eingestellt, während sie bei den Briten bis zum Frühjahr 1946 weitergeführt wurde. Die nächste Stufe der Berichterstattung stellen die deutschen Zonen-Zeitungen dar, die in der Regel auch redaktionell in Zusammenarbeit mit den jeweiligen Besatzungsmächten erschienen. Um aber die deutschen Journalisten zu einer selbständigen Berichterstattung zu befähigen, begannen die Amerikaner und Franzosen bereits 1945 mit einem Lizenzierungprogramm.

Lizenzpolitik

Die jeweilige Militärregierung durchleuchtete den Lebenslauf derjenigen Deutschen, die eine Lizenz für ein Presseprodukt beantragten, um zu prüfen, inwiefern sie in das nationalsozialistische Regime involviert gewesen waren.

Die USA vergaben in ihrer Zone Lizenzen an kleine Gruppen von Herausgebern, die unterschiedliche politische und weltanschauliche Positionen vertraten. Innerhalb der britischen Besatzungszone wurden Lizenzen an parteinahe Personen vergeben, die mit ihren unterschiedlichen politischen Ausrichtungen ein breites Meinungsbild boten. Die französische Militärregierung übertrug Lizenzen sowohl an parteinahe als auch an überparteiliche Personen. In der sowjetischen Besatzungszone wurden im Gegensatz dazu auch Lizenzen an Parteien, vorrangig an die KPD, erteilt.

Bis zum Einzug der westlichen Besatzungsmächte in Berlin im Sommer 1945 hatte die sowjetische Besatzungsmacht die öffentliche Meinung in der ehemaligen Hauptstadt bestimmt, durch den Einzug der Westmächte entstand ein breiter gefächertes Meinungsbild. Durch die unterschiedlichen gesellschaftspolitischen Ausrichtungen der jeweiligen Zeitungen und Zeitschriften, stand, durch die direkt nebeneinander liegenden Sektoren in Berlin, eine große Auswahl an divergierenden Meinungen für die Bevölkerung zur Verfügung, u.a. dadurch dass viele Berliner in einem Sektor wohnten und in einem anderen arbeiteten.

Innerhalb des britischen Sektors in Berlin wurde bereits im Jahr 1945 über eine SPD-nahe Lizenzzeitung nachgedacht, die am 22. März 1946 unter dem Namen Der Telegraf das erste Mal erschien. Ein großes Problem der frühen Nachkriegsjahre war die Materialknappheit in vielen Bereichen, so auch beim Papier. Zudem mussten sich die Besatzungsmächte in den verschiedenen Sektoren um Druckmaschinen bemühen. Aufgrund dessen erschienen die Lizenzzeitungen zu Beginn unregelmäßig, nach Möglichkeit wöchentlich, mit einem Umfang von üblicherweise sechs bis acht Seiten.

Die Gruppe der Herausgeber setzte sich aus dem Journalisten Arno Scholz, dem SPD-Politiker und letzten Reichstagspräsidenten Paul Löbe sowie Annedore Leber zusammen, alle drei in der SPD, die als Widerstandskämpfer und –kämpferin gegen den Nationalsozialismus prädestiniert waren, auf diese Weise am Wiederaufbau mitzuwirken. Dies war zugleich der Beginn der journalistischen Arbeit für Annedore Leber. Noch während sie Lizenzträgerin des Telegrafen tätig war, gründete Leber den MosaikVerlag.

Ziele

Ziel der Herausgeber und Autoren von Zeitungen und Zeitschriften war eine (Wieder-)Vermittlung moralischer Werte in der Gesellschaft. Daher spielten politisch-kulturelle Zeitschriften eine zentrale Rolle innerhalb der Reeducation-Politik der Alliierten. Sie sollten politische Diskussionen anstoßen, da Parteien und Parlamente erst aufgebaut werden mussten. In allen vier Zonen wurde eine große Zahl von politisch-kulturellen Zeitschriften, wie Die Wandlung, Deutsche Beiträge, Merkur, Frankfurter Hefte, mit grundsätzlichen Essays zu gesellschaftspolitischen sowie ethischen Fragen herausgegeben. Gemeinsame Werte sollten über nationale politische Eliten hinaus durch das Medium der Presse an die Gesellschaft weitergeben werden. Die Herausgeber der jeweiligen Zeitschriften und deren Autoren versuchten, ein neues moralisches Fundament zu legen, um die Bürger und Bürgerinnen zu ermuntern, selbst politische Verantwortung zu übernehmen.

Tim Rose


Literatur:

  • Frei, Norbert, Die Presse, in: Wolfgang Benz (Hg.), Die Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, Bd 4, Frankfurt 1989, S. 370-416.
  • Grebner, Susanne, Entstehung einer SPD-nahen Lizenzzeitung in Berlin 1946-1950, Münster 2002.
  • Laurien, Ingrid, Politisch-kulturelle Zeitschriften in den Westzonen 1945-1949. Ein Beitrag zur politischen Kultur der Nachkriegszeit, Frankfurt am Main [u.a.] 1991.
  • Mendelssohn, Peter de, Zeitungsstadt Berlin – Menschen und Mächte in der Geschichte der deutschen Presse, Frankfurt 1982.

Die Nachkriegszeit

Es erschien uns passend, ein Foto von der Ausstellung „Berlin im Aufbau“ im ehemaligen Stadtschloss in Berlin-Mitte vom August 1946, Berlin, Mitte, Unter den Linden des Fotografen Abraham Pisarek zu zeigen, anstelle der hier durchaus erwartbaren Trümmerfotografie, denn Mosaik soll ebenfalls dem Aufbau dienen.
(Bild: Deutsche Fotothek / Wikimedia CommonsCC-BY-SA 3.0 DE)


Die Geschichte Deutschlands nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges ist untrennbar mit Annedore Lebers späterem Engagement verbunden. Hier zeigen wir einen kurzen Überblick über die Nachkriegszeit – mit Schlagworten von A bis Z.

Berlin-Blockade

Um zu verhindern, dass die Währungsreform der Amerikaner auf West-Berlin angewendet wird, schneidet die Führung der Sowjetischen Besatzungszone Berlin im Juni 1948 vollständig von Westdeutschland ab. Ein gewaltsames Durchbrechen der Blockade ist unmöglich, da das Risiko eines erneuten Krieges zu hoch ist. Deswegen entscheiden sich die Westmächte, Berlin über eine Luftbrücke zu versorgen. Zehn Monate werden bis zu 1.300 Flüge täglich geflogen, um die Versorgung zu gewährleisten.. Die Blockade manifestiert endgültig die deutsche Teilung und Berlin wird zu einem Vorbild für die ganze Welt, da die Stadt um ihre Freiheit kämpft. (S. v. Hagen)

Bestrafung und Reparation

Zentrale Aufgabe der Nachkriegszeit, darüber herrscht unter den Alliierten früh Einigkeit, muss es sein, zu verhindern, dass Deutschland erneut zu einer Gefahr für die Welt werden kann. Schon vor Kriegsende halten sie daher fest, dass mit der ‚bedingungslose[n] Kapitulation’ auch die Zerschlagung des deutschen Kriegspotenzials und eine Bestrafung der Schuldigen einhergehen soll. Auch darüber, dass die Deutschen eine Entschädigung zahlen sollen, ist man sich einig.

An der Reparationsfrage entzündet sich jedoch in der Folge ein Konflikt. In der Sowjetunion nehmen die Kriegsentschädigungen angesichts der enormen Zerstörung der eigenen Landwirtschaft, Industrie und Infrastruktur eine überragende Bedeutung ein. Bei den Westalliierten hingegen dominiert die Befürchtung, die Reparationen könnten die Deutsche Wirtschaft so belasten, dass man das Land nach kurzer Zeit unterstützen und somit die Reparationen schlussendlich selbst bezahlen müsse – nicht zu unrecht, wie sich später zeigen wird. Während der Potsdamer Konferenz im Juli und August 1945 werden daher keine festen Summen oder Quoten festgelegt. Stattdessen darf in Zukunft jede Besatzungsmacht ihren Bedarf eigenständig aus der ihr zugeteilten Zone decken. Die Folgen werden insbesondere die Menschen in Ostdeutschland in den Nachkriegsjahren spüren. (J. Broll)

Dekartellisierung

Nach dem Plan der Alliierten soll Deutschland auch als Wirtschaftsnation geschwächt werden. Die Wirtschaft des Landes basiert elementar auf einigen wenigen Großunternehmen in der Stahl- und Montanindustrie, aber auch auf dem Bankensektor, den das NS-Regime während des Krieges unterstützt hatte. Nach Kriegsende werden die zwölf größten Unternehmen deshalb in 28 Subunternehmen zerschlagen. Einen anderen Teil der ökonomischen Demontage bilden die Reparationszahlungen, welche in Form von Geld, aber auch in der Auflösung von Unternehmen geleistet werden. Schnell wird den Westalliierten allerdings klar, dass mit einer radikalen Demontage der deutschen Bevölkerung die Chance genommen wird sich selbst zu helfen, da sie massive Arbeitslosigkeit hervorrufen könnte. Gleichzeitig wird in einigen Teilen Deutschlands der Ruf nach einer Sozialisierung der Betriebe lauter.

Im Osten fällt auch in diesem Bereich die Zäsur wesentlich radikaler aus. Der Umbau der Wirtschaft ist auf Verstaatlichung ausgerichtet, begleitet von umfassender Demontage und Enteignung. In der nachkriegszeitlichen Reorganisation zeichnet sich an dieser Stelle bereits eine Teilung Deutschlands ab. (B. v. Treek)

Demilitarisierung

Da die amerikanische Militärführung während des Kriegsverlaufs die Wehrmacht als sie  führende Kraft erkennt, ist es für sie nach Kriegsende immanent wichtig, zunächst alle militärischen und paramilitärischen Vereinigungen der Nationalsozialisten zu entwaffnen und deren Strukturen zu zerschlagen. Gleichzeitig erhofft man sich, durch die Internierung von 11 Millionen Soldaten in den Westbesatzungszonen den von der deutschen Heeresleitung angekündigten Guerillakrieg (genannt „Werwolf“) verhindern zu können. Dies erweist sich allerdings schnell einfacher, als zunächst erwartet. Viele deutsche Soldaten fliehen in die westlichen Besatzungszone, um nicht in die Hände der Roten Armee zu fallen. In den über ganz Deutschland verteilten Gefangenenlagern zeigt sich bald, dass der Wille und die Motivation der Deutschen, für Volk und Führer zu kämpfen, bei den meisten Menschen endgültig erschöpft ist.

Die deutschen Soldaten werden in den Nachkriegsjahren nach und nach ins zivile Leben entlassen. 1947 sind noch 435.000 Soldaten in britischer, 640.000 in französischer und 14.000 in amerikanischer Kriegsgefangenschaft. Die Sterberate liegt in den Westlagern zwischen 1% und 2,6%. Im Vergleich zu den Gefangenenlagern im Osten sind diese Zahlen allerdings sehr niedrig. Hier liegt die Mortalität mit 1 Millionen Toten bei 35% (und das nur in den Lagern auf den Gebieten des ehemaligen Deutschlands). Zu großen Teilen wird auch das Kriegsgerät, so vorhanden, demontiert und in andere Staaten verbracht. Das Ziel ist, Deutschland nie wieder in die Lage kommen zu lassen, ein Heer für einen Angriffskrieg aufzustellen. (B. v. Treek)

Demokratisierung/Dezentralisierung

Wichtigstes Ziel der Alliierten ist, in Deutschland langfristig eine Demokratie zu etablieren. Sie soll, so viel hat man aus der Geschichte der Weimarer Republik gelernt, nicht gegenüber politischem Extremismus anfällig ist. Zu diesem Zweck sollen in den ersten Jahren Strukturen geschaffen werden, die eine größtmögliche demokratische Partizipation ermöglichen. Dies setzt jedoch voraus, dass auch die zuvor gleichgeschalteten Institutionen entnazifiziert werden. Ein großes Problem liegt darin, dass sich ein Großteil der in der Verwaltung und in Schulen Beschäftigten aus ehemaligen NSDAP-Parteimitgliedern zusammensetzt. Würde dieser Wechsel konsequent angegangen, müßte dies unweigerlich zum Zusammenbruch des öffentlichen Dienstes führen. An den Hochschulen werden so gut wie keine Reformen durchgeführt, sodass auch die nachfolgenden Generationen oft noch bei regimetreuen Professoren lernen werden. In der ostdeutschen Besatzungszone wird auf sehr viel konsequentere Weise ein radikaler Strukturwandel durchgesetzt: Die alten Kader werden schnell durch die teilweise im Ausland auf den politischen Wiederaufbau vorbereiteten Kommunisten ersetzt. (B. v. Treek)

Denazifizierung

Eine grundlegende Frage der Siegermächte, die sich nach Kriegsende noch immer stellt, ist: Was war der Nationalsozialismus? – Und wer ist für seine Ausführung und Politik verantwortlich zu machen? Dass die Verantwortlichen zu bestrafen sind, ist Konsens unter den Siegermächten. Im Fokus stehen nicht nur die Angehörigen der Wehrmacht, sondern auch der gesamte gleichgeschaltete Verwaltungsapparat des ehemaligen Reiches. Dies erweist sich allerdings als schwierig, da viele im Krieg gefallen sind oder als verschollen gelten. 250.000 Schuldige werden gefangen genommen, von denen 6.000 an Drittstaaten verbracht und dort verurteilt werden. 668 werden zum Tode verurteilt.

Die Frage nach der Schuld wird sich auch nach den Nürnberger Prozessen, die 1946/47 stattfinden, nicht endgültig beantworten lassen. Allerdings werden in diesen Prozessen die führenden Köpfe des NS-Apparates der Weltöffentlichkeit vorgeführt – sodass sich unterschiedliche Auffassungen entwickeln, wer für die Kriegsverbrechen verantwortlichen zu machen sei: Der Politikwissenschaftler Franz Neumann geht beispielsweise davon aus, dass die Hauptschuld bei den alten deutschen Eliten aus Militär und Wirtschaft zu suchen sei. Seine Lösung ist daher, den Einfluss der ehemals Mächtigen zu minimieren. Eine andere These sieht vor, die enge Bindung zwischen der Bevölkerung und der NS-Ideologie aufzulösen. Ein Entnazifizierungsbögen teilt die Deutschen in fünf verschiedene Kategorien ein: Entlastet, Mitläufer, Minderbelastete, Belastete, Schuldige und Hauptschuldige. Als besonders wichtig betrachtet man die Bereinigung der öffentlichen Ämter von ehemaligen NSDAP Mitgliedern,  z.B. in Gerichten und an Schulen. Allerdings, das fällt den Alliierten bald auf, käme dadurch das öffentliche Leben fast vollkommen zum Erliegen. Viele Urteile beschränken sich daher auf Geldsummen von bis zu 4.000 Mark oder sehr kurze Gefängnisstrafen. (B. v. Treek)

Der Eiserne Vorhang

Schon im Sommer 1945 werden während der Potsdamer Konferenz die wesentlichen Konturen des geteilten Deutschlands der Nachkriegszeit deutlich. Im Zentrum steht die Frage nach den Reparationen, die von der Sowjetunion und den Westalliierten gegensätzlich beantwortet wird. Die Verhandlungen sind von einem gegenseitigen Misstrauen geprägt, wie es die gesamte Nachkriegszeit bestehen bleiben wird: Die Sowjetunion fürchtet, Deutschland könne in den Einflussbereich des Westens geraten und in eine Front gegen die UdSSR treten, Großbritannien und die USA fürchten sich vor einem Westeuropa im Machtbereich der Sowjetunion. Anhaltspunkte dafür sieht man insbesondere im Verhalten der Sowjets in Polen, wo Russland noch während laufender Verhandlungen ‚Fakten schafft’: Die Grenze Polens wird nach Westen verschoben, ein großer Teil der polnischen Ostgebiete wird russisch. Dafür verschieben sich die Grenzen Polens gen Westen. Flucht und Vertreibung von ca. 12 Millionen Deutschen gen Westen sind die Folge. Am 5. März 1946 spricht der britische Premier Churchill von einem ‚Eisernen Vorhang’ – Ein frühes Zeichen für ein nachhaltig gestörtes Verhältnis der Alliierten. (J. Broll)

Familie und Politik

In einer Zeit, in der der Alltag vom Kampf um knappe Lebensmittel, Wohnraum und andere lebensnotwendige Dinge geprägt ist, wird die Familie für viele zur wichtigen Stütze: Hier findet man häufig Solidarität, Unterstützung und Schutz, die ansonsten nicht oft zu erwarten sind. Auch in der Trauer um gefallene oder der Sorge um gefangene oder vermisste Familienmitglieder bietet die Familie einen wichtigen Rückhalt. Im täglichen Kampf ums Überleben erweist sich die Idee einer „Volksgemeinschaft“ endgültig als Illusion. Sind viele Menschen noch bis vor kurzem im Glauben gewesen, Teil eines ‚Großen Ganzen’ zu sein, verschiebt sich ihre Lebenswirklichkeit nun eindeutig in einen engen privaten oder lokalen Raum. Eine Auseinandersetzung mit politischen Fragen, wie sie die Zeitschrift Mosaik behandelt, findet vor dem Hintergrund der alltäglichen Probleme zunächst nur in den wenigsten Familien statt. (J. Broll)

Gemeinschaft der Besiegten

Mit Kriegsende scheinen in der deutschen Gesellschaft, die noch wenige Stunden zuvor stark hierarchisch aufgebaut war, auf einmal alle gleich: Vereint in Unglück und Entbehrungen wird jeder Einzelne mit den Problemen des täglichen Überlebens konfrontiert. Machtunterschiede werden egalisiert, aus Handelnden wird eine Masse der von den Alliierten Behandelten. An die Stelle der ‚Volksgemeinschaft’ tritt in der öffentlichen Wahrnehmung eine ‚Gemeinschaft der Besiegten’. (J. Broll)

Hunger und Schwarzmarkt

Ist die Ernährungslage unmittelbar nach dem Ende des Krieges im Mai 1945 noch gut, ändert sich sich dies nach wenigen Wochen dramatisch: Nach kurzer Zeit kann die deutsche Agrarproduktion nur noch ein Drittel bis die Hälfte des Bedarfs decken. Dies liegt vor allem an den außergewöhnlich schlechten Ernten in den ersten zwei Nachkriegssommern, aber auch das Ausbleiben der Lebensmittellieferungen aus den zuvor besetzten Ländern, sowie die umfangreichen Gebietsverluste, beeinflussen die Situation erheblich. Die Alliierten versuchen, der Lage mit einer Bewirtschaftung der Lebensmittel und dem System der Lebensmittelscheine zu begegnen, behalten also im Kern das System der Nationalsozialisten bei. Bis 1948 kann der Mindestbedarf jedoch nicht gedeckt werden, was besonders im Winter 1946/47 zu einer schweren Hungerkrise führt. Aus diesem Grund müssen die Besatzungsmächte zusätzliche Lebensmittel in Form von sogenannten ‚Care-Paketen’ einführen.

In Folge der Lebensmittelknappheit und der Bewirtschaftung mit festgelegten Preisen blüht auch der Schwarzmarkt auf: 1946/47 umfasst er ca. 15% der gesamten Warenzirkulation, als Ersatzwährung etablieren sich Zigaretten, der Tausch von Waren gegen Lebensmittel wird zur Normalität. Insbesondere die Ärmsten sind auf den Schwarzmarkt angewiesen, aber auch Unternehmen beteiligen sich, indem sie z.B. Löhne in Waren auszahlen. Besonders an den Wochenenden setzt eine Wanderung der Städter aufs Land ein, wo Schmuck oder Hausrat gegen Lebensmittel eingetauscht werden.

In der Folge ist teilweise ein extremer Verfall der Sitten zu beobachten. Die Kriminalitätsrate steigt erheblich an (in Berlin beispielsweise um das zehnfache), es kommt vielfach zu ‚Hungerdelikten’, insbesondere Betrüger und Skrupellose setzen sich durch. (J. Broll)

Kriegsbilanz

Die demografische Bilanz nach sechs Kriegsjahren erweist sich als verheerend: Von 18 Mio. in den Krieg gezogenen Soldaten ist mehr als ein Drittel tot oder vermisst, mehr als 10 Mio. befinden sich in Kriegsgefangenschaft. 12 Mio. Menschen befinden sich auf der Flucht aus den ehemaligen Reichsgebieten, 2 Mio. von ihnen sterben auf dem Weg. Allein in der Sowjetunion befinden sich 600 000 dorthin verbrachte Zivilisten, sowie 2,1 Mio. deutsche Kriegsgefangene. Besonders bezeichnend ist: Über all diese Personen weiß man zunächst fast nichts. (J. Broll)

Marshallplan

Als Marshallplan wird umgangssprachlich das European Recovery Programm (ERP) des amerikanischen Außenministers George C. Marshall bezeichnet. Das Programm steht im Zentrum der Containment-Politik (Politik der Eindämmung des Kommunismus) der USA. Es umfasst umfangreiche Kredite an alle europäischen Länder, wenn diese die Bedingungen der Amerikaner erfüllen. Bedingungen sind die Sicherung der freien Märkte und eine politische-wirtschaftliche Koordination Europas. Deutschland erhält 1,4 Mrd. Dollar Hilfen aus diesem Programm, die aber zurückgezahlt werden müssen. Güter, die mit den Geldern des Marshallplans finanziert werden, werden gekennzeichnet, so dass das Programm eine große Bekanntheit erreicht.

Ziel des Programms ist es, eine Ausbreitung des Kommunismus in Europa zu verhindern und die europäische Wirtschaft nach dem Krieg wieder aufzubauen. (S. v. Hagen)

Parteien

Christlich Demokratische Union (CDU) / Christlich Soziale Union (CSU)

Die CDU und ihre bayerische Schwester CSU werden 1945 gegründet und sind erfolgreiche Neugründungen, die eine große Veränderung bei den bürgerlichen Parteien darstellen. Die neue Bewegung fordert neben einer Vereinigung der Konfessionen auch die Überwindung der Klassengrenzen, in der Ausprägung unterschieden sich die Forderungen der unterschiedlichen Lager innerhalb der Partei. Ebenso uneinig ist sich die Union in ihrer wirtschaftspolitischen Orientierung. Mit Konrad Adenauer, der in seinem Programm vor allem auf die Stärke staatlicher Institutionen setzte, stellt die CDU den ersten Kanzler der Bundesrepublik Deutschland. Bei den ersten Landtagswahlen in den Westzonen erreicht die Union 37,5%.

Sozialdemokratische Partei Deutschland (SPD)

Die SPD rekonstituiert sich bereits im Sommer 1945. Es existieren zunächst drei politische Zentren: Die Exilführung aus London, die im Januar 1946 nach Deutschland zurückkehrt, der Berliner SPD-Vorstand und das neue Zentrum um den ehemaligen Widerstandskämpfer Kurt Schuhmacher in Hannover. Die Leitparole der Partei lautet: „Demokratie in Staat und Gemeinde, Sozialismus in Wirtschaft und Gesellschaft.“ Ein wesentliches Element in ihrem Programm ist der Antikommunismus. Bei den ersten Landtagswahlen in den Westzonen erreicht die SPD 35%.

Kommunistische Partei Deutschland (KPD)

Die Kommunistische Partei wird von einem Kader um Walther Ulbricht, der im Moskauer Exil geschult wurde, neu aufgebaut und dominiert. Die KPD tritt zunächst mit einem gemäßigten Programm an, in dem nicht einmal das Wort Sozialismus auftaucht. Nachdem die Kommunisten ihre Macht in der SBZ schnell gefestigt haben, bei den ersten Kommunalwahlen aber eine Niederlage einstecken müssen, setzen sie seit Anfang 1946 auf einen Zusammenschluss mit der SPD.

Sozialistische Einheitspartei Deutschland (SED)

Die SED bildet sich in der SBZ durch einen Zusammenschluss von KPD und SPD. Das Ergebnis einer Urabstimmung in West-Berlin zeigt allerdings, dass 80% der Mitglieder der West-SPD eine Vereinigung ablehnen. Die Urabstimmung ist in Ost-Berlin verboten. Trotzdem wird die Vereinigung umgesetzt und am 19. und 20. April 1946 die SED gegründet.

Mit der Zwangsvereinigung von KPD und SPD werden die Konfrontationen der Alliierten auf die innenpolitischen Verhältnisse der Besatzungszonen übertragen. Eine Vereinigung der Besatzungszonen würde nun die Auflösung der SED oder eine Fusion der West-SPD mit der SED voraussetzen.

Freie Demokratische Partei (FDP)

Die FDP ist ebenfalls eine Neugründung. Sie unterscheidet sich von der Union insbesondere durch die Ablehnung der religiösen Orientierung und ihre scharfe föderalistische Haltung. Auch in der FDP stehen sich unterschiedliche Kräfte gegenüber, vor allem die Nationalliberalen im Norden und Westen und die Linksliberalen im Süden und Südwesten. Viele ehemalige Nationalsozialisten treten in die nationalliberalen Landesverbände ein. (S. v. Hagen)

Politischer Neuaufbau

Der politische Neuaufbau in den westlichen Besatzungszonen verläuft „von unten nach oben“, Parteien und Gewerkschaften werden zunächst auf Kommunal- und Landesebene wieder zugelassen. Die Parteien werden allerdings von den westlichen Militärregierungen lizenziert, rechtsradikale Parteien, aber auch eine Flüchtlingspartei, werden nicht zugelassen. Im Jahr 1946 finden die ersten Kommunalwahlen in den Westzonen statt, die ersten Landtagswahlen im Jahr 1947. Die Gestaltung der neuen Regierungsformen und Verwaltungsstrukturen ist jedoch vor allem eine Sache der Besatzungsmächte, die deutsche Bevölkerung und die „neuen“ deutschen Politiker, die zu großen Teilen aus dem Personalbestand der Weimarer Republik bestehen, spielen dabei kaum eine Rolle.

Es bildet sich in der westdeutschen Parteienlandschaft eine Grundstruktur heraus, wie sie auch in den meisten anderen westeuropäischen Ländern besteht. Es entsteht eine kommunistische Partei, eine sozialistische Partei, eine christliche Sammelbewegung und eine bürgerlich-liberale Partei.

In der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) funktioniert der politische Neuaufbau „von oben nach unten“. Die Kommunistische Partei Deutschlands (KPD) genießt die besondere Unterstützung der Sowjetischen Militäradministration (SMAD). Im Juli 1945 wird in der SBZ eine Einheitsfront gegründet, die aus Vertretern von CDU, SPD, Liberalen und KPD zusammengesetzt ist. Die Vertreter der drei Parteien haben der KPD nicht viel entgegenzusetzen. Durch die Hilfe der SMAD besetzt die KPD bereits wenige Monate nach Kriegsende die wichtigsten Machtfunktionen in der SBZ. (S. v. Hagen)

Soziale Marktwirtschaft

Der Begriff „soziale Marktwirtschaft“ taucht erstmals 1949 auf. Sie tritt jedoch schon mit der Aufhebung der Bewirtschaftung im Zuge der Währungsreform Währungsreform im Juni 1948 in Kraft. Sie soll fairen Handel und privates Unternehmertum ermöglichen und dabei gleichzeitig die sozial Schwachen schützen. . Das bedeutet, dass ein freier Markt, der weitestgehend ohne staatliche eingriffe funktionieren soll, gewährleistet wird. Der Staat sorgt jedoch gleichzeitig für soziale Sicherheit, indem er beispielsweise Kartellbildungen verhindert, durch Regulatorien Sicherheits- und Gesundheitsrisiken vorbeugt und die Rechte der wirtschaftlich Schwächeren schützt. Entwickelt wird die soziale Marktwirtschaft von Ludwig Erhard, Direktor des Wirtschaftsamtes der Bizone. (S. v. Hagen)

Stadt und Land

Bei allen Aussagen über ‚die Nachkriegszeit’ ist zu beachten, dass sich die Situation nach 1945 auf dem Land stark von der in der Stadt unterscheidet. Während die Städte in der Regel stark zerstört sind, gilt dies für die ländlichen Gebiete nicht. Die Ernährungslage ist auf dem Land wesentlich besser, die Bauern profitieren sogar von den sogenannten ‚Hamsterfahrten’ der Städter. Andererseits wird die große Zahl der Flüchtlinge vor allem von den ländlichen Gebieten aufgefangen. (J. Broll)

Stunde Null

Die bedingungslose Kapitulation der Wehrmacht am 8. Mai 1945 markiert eine Zeitenwende in der deutschen Geschichte und wird daher oft als ‚Stunde Null’ bezeichnet. Der Begriff folgt der Interpretation, dass mit dem Zusammenbruch des NS-Staates die Chance für einen voraussetzungslosen Neuanfang entstand. Tatsächlich findet innerhalb weniger Stunden ein radikaler Machtwechsel statt: Zuvor Mächtige treten in den Hintergrund, zuvor Unterdrückte treten hervor. Ein schärferer Bruch in Gesellschaft, Kultur, Politik und Recht wird sich in der deutschen Geschichte schwer finden lassen. (J. Broll)

Währungsreform

Im Juni 1948 führen die westlichen Besatzungsmächte eine Währungsreform in den Besatzungszonen durch. Sie fällt radikal aus und bildet einen tiefen Einschnitt. Ohne eine neue stabile Währung wäre ein Aufstieg der Wirtschaft aber nicht möglich, da die enormen Kriegsschulden von 425 Milliarden Reichsmark den Neuanfang belasten.

Die Geldvermögen der Deutschen verlieren über Nacht 90% seines Wertes, Sachgüter sind nicht vom Wertverlust betroffen. Von 1.000 Reichsmark bleiben 64 Deutsche Mark (DM). Zusammen mit der Währungsreform wird auch die Bewirtschaftung und damit die festgelegten Preise für Waren, abgesehen von Nahrungsmittel, Miete und einigen Rohstoffe, aufgehoben. Binnen weniger Tage sind die Läden wieder gefüllt, die Preise für die angebotenen Waren sind jedoch enorm hoch und die Lage vieler Menschen verschlechtert sich. Erst Ende 1949 fallen die Preise wieder. (S. v. Hagen)

Zerstörung

Die Wohnsituation ist nach 1945, vor allem in den Städten, katastrophal: Ca. 30 Prozent sind zerstört, es dauert fast ein Jahrzehnt bis annähernd ausreichend Wohnraum geschaffen worden ist. Bis dahin kommen viele Ausgebombte bei Verwandten, Freunden oder Fremden unter, man lebt meist mit vielen Personen auf engstem Raum. Viele Frauen beteiligen sich als später sogenannte ‚Trümmerfrauen’ am Wiederaufbau. Auch die Infrastruktur ist zu großen Teilen zerstört. Die Industrie wiederum ist viel weniger beschädigt, als es auf den ersten Blick scheint. Hier liegt ein Potenzial, das jedoch zu Beginn nicht genutzt werden kann. (J. Broll)

Zwangsmobilisation

Die deutsche Gesellschaft der unmittelbaren Nachkriegszeit wird rückblickend häufig als ‚zwangsmobilisiert’ bezeichnet. 8 Mio. Deutsche, vor allem Kinder und Frauen, sind während des Krieges aus den Städten evakuiert worden. 12 Mio. Menschen finden sich nach ihrer Flucht aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten an einem anderen Ort wieder, weil sie vertrieben wurden oder geflohen waren. Hinzu kommen ca. 8-10 Mio. sogenannte „Displaced Persons“ (DPs), also ausländische Kriegsgefangene, Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge, die nach ihrer Befreiung in den vier Besatzungszonen leben. Insgesamt sind ca. 30 Mio. Deutsche und 10 Mio. Ausländer ‚entwurzelt’, was mehr als der Hälfte der 1945 in den vier Besatzungszonen lebenden Menschen entspricht. Die Einwohnerzahl steigt aufgrund der vielen aus dem Osten ankommenden Vertriebenen und Flüchtlinge stark um ca. 10 Prozent an. (J. Broll)

Zwei-Staaten-Lösung

Weder die Teilung noch die Einheit Deutschlands sind ein eigenes Ziel der Alliierten. Die vier Besatzungsmächte sind vor allem darum bemüht, möglichst viele von ihren eigenen Interessen umzusetzen. Die Vorstellungen der Franzosen, die vor allem auf Sicherheit und Reparationen bedacht waren, stehen dabei häufig in Widerspruch zu denen der Engländer und Amerikaner, die viel Wert auf Entnazifizierung und Umerziehung legten. Die Teilung des deutschen Staates verläuft in vier Phasen.

In der ersten Phase von 1945 – Juli 1946 (siehe Potsdamer Konferenz) dominierte noch der Einigungswille der Alliierten, es bildete sich jedoch bereits ein wachsendes Misstrauen zwischen der Sowjetunion und den Westmächten.

In der zweiten Phase von Juli 1946 – März 1947 treten die wirtschaftlichen Widersprüche der Besatzungsmächte stärker in den Vordergrund. Die amerikanische und die britische Besatzungszone schließen sich zu einer Wirtschaftseinheit (Bizone) zusammen.

In der dritten Phase von März bis Juni 1947 wachsen die Spannungen zwischen Ost und West an. Die Amerikaner rufen den Marshallplan ins Leben.

In der vierten Phase von Juni 1947 bis Juni 1948 manifestiert sich die Teilung Europas. Die Sowjetunion lehnt eine Beteiligung am Marshallplan, der sich auch an die osteuropäischen Länder richtet, ab. Es folgt eine schnelle Stabilisierung der Lager. Im Februar 1948 wird die Gründung Westdeutschlands in London ausgehandelt. Im Mai bzw. im Oktober gründen sich die zwei deutschen Staaten, die bis 1989 Bestand haben sollten. (S. v. Hagen).


Literatur: